Oktober 2020

„Muss ich beim Waldbaden eigentlich auch einen Baum umarmen?“, das werde ich immer wieder gefragt, wenn ich mit Menschen draußen unterwegs bin. „Musst Du nicht, kannst Du aber gerne!“, sage ich dann. 

Beim Waldbaden, wie ich es verstehe, geht es sowieso nicht gleich mit solchen Erfahrungen los. Erst einmal steht nämlich Bewegung an, um die Anspannung der vergangenen Woche los zu werden, dem Herz-Kreislauf-System etwas Gutes zu tun und sich auf den Wald einzulassen. Gerne flechte ich einfache Qi gong-Übungen ein, damit man auf sanfte Art ein wenig lockerer wird, sich genüsslich recken und strecken und Vergangenes wie trockenes Laub abschütteln kann. Verschiedene Atemübungen sind bei mir ein weiterer wichtiger Bestandteil des Waldbadens. Viele machen dabei die Erfahrung, dass bewusstes Atmen im Wald ausgesprochen wohltuend wirkt. Langsam gehen wir dann zu Sinneserfahrungs- und Achtsamkeitsübungen über, und es wird immer ruhiger. Ja, und dann lade ich manchmal auch dazu ein, durch den Wald zu streifen, einen Baum zu finden, an dem man gerne Platz nimmt, um dort in meditativer Stille zu verweilen. Ich erlebe immer wieder, wie sehr gerade erwachsene Menschen es genießen, sich an einen Baum anlehnen zu können, nichts tun zu müssen, einfach sein zu dürfen… Nicht wenige Menschen, ob Frauen oder Männer, umarmen „ihren“ Baum zum Abschied – und finden das dann auch ganz normal. 

Naturerlebnis-Tipp: Vielleicht haben Sie ja heimlich schon mal überlegt, wie es wäre, einen Baum zu umarmen? Sich aber nicht getraut? Dabei ist es ganz einfach… Schauen Sie sich doch einmal um, wenn Sie im Wald oder an einer Streuobstwiese spazieren gehen. Welcher Baum zieht ihren Blick auf sich? Dann machen Sie sich erst einmal mit dem Baum bekannt. Schauen Sie, wie seine Wurzeln im Erdreich verschwinden. Beobachten Sie, wie seine Rinde beschaffen ist. Fühlen Sie einmal, ob sie glatt, rauh, kühl oder eher warm ist. Gehen Sie auch mal ganz nah ran, vielleicht wachsen ja Flechten oder Moos auf der Rinde, vielleicht entdecken Sie in dieser Jahreszeit sogar winzige Pilze im feuchten Moos. Schauen Sie nach oben in die Baumkrone. Wie sind Äste und Zweige angeordnet, bewegen sie sich im Wind? Sind die Blätter groß oder klein, welche Farben können Sie wahrnehmen? Wie hört sich der Wind in den Zweigen und Blättern an? Können Sie den Stammumfang und das Alter des Baumes schätzen? Machen Sie sich bewusst, dass ein Baum ein Lebewesen ist, dass seit seiner Keimung aus einem Baumsamen an diesem Platz steht, vielleicht vor Ihrer Geburt schon da war und möglicherweise noch Jahrhunderte vor sich hat. Und wenn Sie dann den Eindruck haben, dass Sie „ihren“ Baum nun ganz gut kennen, dann machen Sie es sich an seinem Stamm gemütlich. Lehnen Sie sich an, genießen Sie eine Zeit der Stille – und umarmen Sie den Baum zum Abschied einfach. Tut gut!