Oktober 2019

Endlich, es regnet! Mir ist, als würde die Natur richtig aufatmen. Im feuchten Wald herumzustreifen, macht jetzt besonders viel Freude – es riecht nämlich wunderbar würzig und pilzig! Heute möchte ich einen Pilz mit einem besonderen Namen zeigen, den ich zufällig am vergangenen Wochenende entdeckt habe. Diese Prachtexemplare sind Judasohren. Manchmal wird der Pilz auch Waldohr, Wolkenohr, Holzohr oder Ohrlappenpilz genannt. 

Angeblich ist das Judasohr ja häufig, doch seine großen Lauscher habe ich jedenfalls noch nie gesehen. Sie sind ganz weich, lappig,ein bisschen samtig und fühlen sich tatsächlich wie eine ganz dünne, kühle Ohrmuschel an. Weil ich ja ein gebürtiges Nordlicht bin, erinnert es mich irgendwie auch an angespülten Tang aus dem Meer. Wie man sieht, ist der Pilz so zart, dass man von unten das Licht hindurch scheinen sieht.

Das Judasohr wurde von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zum Pilz des Jahres 2017 gekürt. Das wiederum hat zu zauberhaften Überschriften in Zeitungsartikeln geführt: „Da klebt ein Ohrwascherl“ hat seinerzeit Die Rheinpfalz geschrieben; „Das Judasohr lauscht am Holunder“ beobachtete die Main-Post. Gut erkannt, denn das Judasohr wächst gerne an Holunderbäumen, besonders wenn sie bereits geschwächt oder sogar schon abgestorben sind. 

Eine interessante Legende gibt es auch, die den eigenartigen Namen erklärt… Sie erzählt, dass sich der Apostel Judas Ischariot, nachdem er Jesus im Garten Gethsemane durch einen Kuss an die römischen Soldaten verraten hatte, voller Reue an einem Holunderbaum erhängt hat. An diesem Holunder wuchsen der Legende nach bald ohrmuschelförmige Pilze heraus – als immerwährende Erinnerung. Na, ich frage mich natürlich, ob Holunderbäume überhaupt im Nahen Osten vorkommen, ich würde dort eher an Olivenbäume denken. Wahrscheinlich ist die Legende in Europa entstanden, wo Holler und Judasohren häufig vorkommen.

Spannend finde ich, dass Judasohren ohne Probleme komplett austrocknen können und dann auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe schrumpfen. Kaum fällt Regen, quellen sie einfach wieder auf und wachsen weiter. Erstaunlich, dass die Ohrlappenpilze das auch mehrfach locker überstehen.

Angeblich schmeckt der Pilz nach nichts, ist aber essbar und soll sich sogar angenehm im Mund anfühlen. Naja, das muss ich jetzt nicht wirklich ausprobieren, ich mag nämlich auch Mu-Err-Pilze nicht sonderlich gerne. Mu-Err sind asiatische Verwandte unserer heimischen Judasohren und werden seit sehr langer Zeit in der asiatischen Küche und der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Jährlich werden in China über eine Million Tonnen Mu-Err-Pilze gezüchtet.

Naturerlebnistipp: Vielleicht hatten Sie Mu-Err-Pilze auch schon mal auf dem Teller und haben nun Lust bekommen, die europäischen Verwandten kennenzulernen? Judasohren findet man überall dort, wo alte Holunderbäume stehen, gerne in feuchteren Wäldern wie Flussauen. Der Pilz ist unverwechselbar und wächst das ganze Jahr über, sogar im Winter. Gehen Sie doch einfach mal auf Entdeckungstour!