Februar 2020

Da lag sie nun, vom letzten großen Wintersturm gefällt, im Wurzelbereich gebrochen und schon im Fallen zersplittert und aufgerissen. Fast konnte ich noch das Krachen und das tiefe Dröhnen erahnen, mit dem die mächtige Fichte auf den Waldboden aufgeschlagen war… Nun war alles still. Ich ging nahe heran und lugte in den aufgebrochenen Stamm. Welche Windungen das Holz nahm, und wie es in der Vorfrühlingssonne leuchtete… 
Und da ich gerade an einem Erzähl-Seminar in der Rhön teilnahm, stiegen beim Betrachten der alten gestürzten Fichte langsam innere Bilder in mir auf, die sich zu einem kleinen Märchen formten:

„Einst, vor langer Zeit, als die Welt noch jung war, reichte der Wald von einem Horizont zum anderen. Zu jener Zeit konnten die Bäume noch sprechen. Und, stell Dir vor, sie trugen nicht nur Mützen aus Nadeln und Laub. Nein, manche Bäume hatten auch Haare, die immer länger und schöner waren, je älter die Bäume wurden!
Die Fichte hatte eine grüne Mütze auf, die ein wenig piekste, und blonde, lockige Haare. So eine Fichte wächst ja rasch, und genauso rasch wuchsen auch die Haare. Bei einer sehr alten Fichte reichten die Haare bis zu den Wurzeln, wo diese in den Boden hinein gehen. Das sah wirklich sehr schön aus, vor allem, wenn ein Wind durch den Wald ging. Die Fichte war recht stolz darauf, ja, sie prahlte sogar ein wenig damit vor den anderen Bäumen.
Denn es war ja so, dass zwar alle Bäume Mützen auf hatten, aber nicht alle hatten Haare. Manche Bäume wie die Buche oder der Ahorn besaßen Mützen aus Laub, die im Sommer grün waren und im Herbst in bunten Farben leuchteten. Für den Winter zogen diese Bäume ihre Mützen aus und schliefen, während es kalt wurde und der Schnee fiel.
Im Winter stand die Fichte deshalb ganz allein da mit ihrer puscheligen grünen Mütze und den wehenden goldenen Locken. Das war zwar ganz schön, aber es war nun niemand mehr da, der die Pracht bewunderte und mit dem die Fichte reden konnte. Es war sogar ziemlich einsam im Wald.
Die Fichte hatte Zeit zum Nachdenken. Ob sie vielleicht etwas zu viel geprahlt hatte? So kam es, dass sie schließlich ganz zart und sacht ihre Haare Stück für Stück ins Innere zog, bis auch kein einziges goldenes Löckchen mehr zu sehen war. Die grüne Mütze behielt sie aber auf. Dann machte auch die Fichte ihre Augen zu und hielt wie die anderen Bäume ein kleines Winterschläfchen. So ist es bis heute geblieben.
Manchmal, wenn eine Fichte umgestürzt ist und Du einen Blick in ihr Inneres werfen kannst, kannst Du vielleicht ihre goldenen Locken sehen!“ 

Naturerlebnis-Tipp: Erfinden Sie bei einem Gang durch den Wald doch auch einmal eine kleine Geschichte, wenn Sie in der Natur etwas sehen, dass Ihre Phantasie anregt, und erzählen Sie sie gleich Ihren Kindern!