April 2018

Der Wald trieft heute richtig vor Nässe, die Wolken hängen nach dem anhaltenden Regen noch sehr tief. Wir sind im Wald bei Seligenthal unterwegs. Da bemerke ich an einer Böschung schon von weitem etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. An vielen Stellen leuchtet es dort ganz hell, ja, es funkelt geradezu. Was das wohl sein mag? Für Reif an Gräsern ist es viel zu warm, auch ein weißer Schimmelüberzug von welken Gräser erscheint mir wenig wahrscheinlich, denn dafür strahlen die fädigen Strukturen viel zu sehr.

Beim Näherkommen staune ich wirklich, denn das habe ich noch nie gesehen! Über dem Moos liegen zahllose fragile weißschimmernde Fäden, an denen einzelne winzige Wassertropfen wie an einer Wäscheleine hängen, und die an ihrer Spitze kleine hellbraune kugelige Strukturen tragen. Irgendwie erinnert mich das spontan an sehr dünne und sehr nasse Glasnudeln…

Mir ist recht schnell klar, dass ich hier wohl eine Phase der komplizierten Fortpflanzung der Moose sehe – aber was genau? Ich erkenne, dass es sich um ein Widertonmoos handelt. Ich sehe die geöffneten rötlich braunen Sporenkapseln auf ihren drahtigen braunen Stielen. Also sind die Sporen schon herausgefallen. Ich bin mir aber nicht sicher: Sind die weißen Fäden nun Sporen, die gerade auskeimen? Oder sehe ich gerade der Bildung von neuen Sporenkapseln im Anfangsstadium zu?

Der Lebenszyklus einer Moospflanze besteht aus zwei aufeinander folgenden, aber ganz unterschiedlich aussehenden Generationen. Und wie gesagt, die Fortpflanzung der Moose ist ziemlich speziell, voller komplizierter Zwischenschritte, die mit ebenso komplizierten Fachbegriffen beschrieben werden. In den Büchern findet man gezeichnete Schemata, die sehr logisch aussehen. Doch das Sehen in der Natur ist eben anders! Ich beschließe, deshalb den Weg demnächst noch einmal zu gehen und nach dem Moos zu schauen. Vielleicht verrät es mir ja dann, was es mit den geheimnisvollen weißen „Glasnudeln“ auf sich hat.

Naturerlebnis-Tipp: Die Welt der Natur ist voller Wunder, ganz besonders im Kleinen. Auch wenn man denselben Weg mehrfach geht, wird man immer wieder Neues entdecken. So ein Regentag im Frühling kann mit vielen Überraschungen aufwarten. Gehen Sie alleine oder als Familie einfach ’raus, so lange es noch von den Zweigen tropft, nehmen Sie vielleicht eine Lupe mit und suchen Sie gemeinsam das Ungewöhnliche, Geheimnisvolle, Rätselhafte bei den ganz kleinen Dingen am Wegesrand. Moose sind jetzt besonders schön.